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Ist Selbstversorgung politisch?

 Diese Frage ist nicht in meinem Kopf entstanden, sondern mit mir gewachsen und gealtert. Ich bin 1951 geboren, mein Vater war gerade mal 2 Jahre aus dem Krieg zurück. Meine übrige Familie, die den Krieg in München erlebte, hat diese Zeit vor allem überlebt, weil mein Großvater mehrere Heimgärten bewirtschaftete, einem Bauern bei der Reparatur seiner Geräte half, gegen Eier und Butter, weil sie ihre komplette Kleidung selbst herstellten, mein Großvater hat sogar geschustert, sie holten aus den Wäldern um München Beeren, Pilze und Feuerholz.

Mein Vater hat seine Spätheimkehrerprämie in den Kauf einer Landparzelle investiert, die dann Baugrund wurde. Sein Arbeiterlohn reichte für die Miete einer kleinen Werkswohnung, für 1 Kinobesuch und 1 Restaurantbesuch pro Monat und 1 Woche Urlaub in den Bergen, wobei die Hütten damals primitiv und billig waren.

Mein selbständiges Leben begann nach abgebrochenem Studium als Vollzeit-Mutter und Hausfrau einer bald 7 köpfigen Familie, die also komplett von einem Lohn zu leben hatte. Es wäre ein guter Lohn gewesen, wenn wir eben nicht 7 gewesen wären. 5 Kinder, das bedeutet, man braucht ein Haus und Garten, das bedeutet Schulden, also alles wird knapp, sehr knapp. Kino , Restaurant, Urlaub, Fehlanzeige.

Aber es war in der Hauptsache nicht so sehr eine wirtschaftliche Entscheidung, mit der Selbstversorgung fortzufahren: wir begriffen, dass unsere Eltern da ein Kulturgut an uns weiter gegeben haben, Fertigkeiten und Verhaltensweisen, wie man mit wenig Geld das Leben meistern kann. Wir hatten schon damals beide kein Vertrauen in den reibungslosen Fortbestand unserer modernen Konsumwirtschaft, Krisen, vor allem Finanzkrisen, aber auch Katastrophen oder Epidemien könnten die Versorgung von heute auf morgen zusammenbrechen lassen. Nach dem  2. Weltkrieg sind die ersten 2-3 Generationen der gesamten menschheitsgeschichte aufgewachsen, die sich voll und ganz auf den Warenmarkt verlassen und alle Fähigkeiten und Erfahrungen um die Selbstversorgung verloren haben, das heißt dieses Modell ist noch keineswegs evolutionsgetestet. Wir wollten also, was unsere Familie betrifft, hier keine Lücke entstehen lassen, und das ist uns gelungen. Selbst Kinder, die in der Stadt leben, pflanzen sich noch irgend etwas an und haben ihre Freude daran.

Inzwischen hat sich das Baugrundstück meines Vaters und unser Haus in einen Bauernhof verwandelt, ein Selbstversorgerhof und Wwoofhof, was bedeutet, dass zwischen 30 und 40 Menschen aus aus aller Welt pro Jahr auf unseren Hof kommen, um Erfahrungen in der Selbstversorgung zu sammeln.

Gerne hätte ich den Hof auch mit einem Hartz IV, Aufstocker, Mutter mit Kind Projekt in Zusammenhang gebracht, aber mir wurde sehr schnell bedeutet, dass hierfür kein Bedarf besteht, das würde als diskriminierend empfunden. Es fällt mir sehr schwer, zu begreifen, dass wirklich arme Leute nicht wie wir gebrauchte Kleidung anziehen, Gemüse pflanzen u.ä. sondern das spärliche Geld für die in unserer Gesellschaft als notwendig angesehenen Konsumgüter ausgeben, darunter Schmuck, Schminke, Mode, damit man nicht sieht, wie schlecht es einem geht, aber auch für minderwertige Nahrung. Klar ist das alles gesellschaftlich bedingt und gewollt. So lange diese Konsumgüter für so erstrebenswert gehalten werden, werden die Menschen bereit sein, sich dafür zu versklaven.

Die Linke und die Gewerkschaften kämpfen zu Recht für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne, möchten dabei aber im wesentlichen, dass sich die Menschen diesen hier üblichen durchschnittlichen Lebensstandard leichter leisten können. Der Sinn und Inhalt dieses Lebensstandards wird nicht hinterfragt, weil man den Armen und Ausgebeuteten nicht auch noch Entbehrung predigen möchte und damit die Niedriglöhne evtl. noch rechtfertigen könnte. Diese Bedenken kann ich voll und ganz nachvollziehen, mir geht es aber nicht um Entbehrung, sondern um ein qualitativ besseres, gesünderes und unabhängigeres Leben. Die Löhne müssen erhöht werden, mit konsumkritischem Bewusstsein wird aber mehr Geld für Bildung, Kultur, Freiheit und Freizeit übrig bleiben. Oder für eine bessere Wohnung, insbesondere dann, wenn die Mietpreise gebremst werden.

Lohnabhängige werden einmal ausgebeutet in ihrem Arbeitsverhältnis zum anderen aber beraubt durch den Markt mit seiner perfid wirkenden Ideologie.

Die Kritik an dieser Seite der Medaille war nur ganz kurze Zeit Thema in der linken Ecke in den 70ern, Kritik der Warenästhetik von Haug z.B.

Ich denke, dass es prinzipiell fortschrittlich ist, sich auf die qualitative Seite der Widersprüche des Systems zu schlagen.

Bezüglich der Arbeitsverhältnisse tut dies die Linke weitgehend, sie müsste meiner Meinung nach hier noch fordern, dass die Arbeitsämter nur zu Sozial-TÜV geprüften Arbeitsplätzen verpflichten darf. In unserem Staat wird alles und jedes kontrolliert, warum nicht die Unternehmer für ihre Arbeitsbedingungen?

Aber auch in der gesamten Reproduktion ist Qualität zu fordern, die Produkte müssen gesund, notwendig, funktional und ästhetisch sein. Diese Forderung nach Qualität, Lebensqualität, sprengt langfristig gesehen das System, denn es blockiert die Entwicklung der quantitativen Seite. Diese Vision vom Konsumgut hatte allerdings schon Picasso, es wird also auch noch ein Weilchen dauern, bis sie realisierbar ist.

So lange können wir durch Selbstversorgung uns nicht nur behelfen, sondern uns auch Wissen, Fähigkeiten, Mut, Selbstbewusstsein, Freude, mehr Gesundheit aneignen. Damit meine ich nicht, dass Leute, evtl. Städter, die noch nie was mit Handarbeit oder Gartenbau am Hut hatten, unbedingt jetzt alle aufs Land sollten. Man ist ja nicht bei den Roten Khmer. Aber die Freiheit zum Fischen, Jagen und Kritisieren sollte man haben, die Ermunterung dazu, die Möglichkeit, die durch Kommunen gestellt werden sollte.

In den USA ist man da schon weiter. Es gibt kommunal angestellte Nutzgartenberater und in den Hinterhöfen der Städte, auf Balkons... wachsen die Kohle, Tomaten und Salate. Das sind soziale Initiativen, niemand würde auf die Idee kommen, sie als reaktionär zu bezeichnen.

Erinnern wir uns an die Gartenstadt-Idee aus den 20er Jahren des vorigen Jh., denken wir an die grünen Gürtel mancher Städte, z.B. Münchens, auch an die Schrebergärten, die immer mehr platt gemacht werden. Was kann man da wieder aufleben lassen, verbreiten, umgestalten in einem moderneren, sozialeren Sinne?

17.9.13 00:43
 


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